Deutscher Freidenker-Verband e.V. – LV Niedersachsen

Über Glücksheuchelei  und über  wirkliches  Glück!

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Pressinformation/Leserbrief

Was uns so  bewegt – nichts bewegt uns so viel wie das Glück

Über Glücksheuchelei  und über  wirkliches  Glück

Zu „Selbst ernannte Ministerin für Glück“ (Braunschweiger Zeitung vom 03. September 2016)

»„GEBT MIR Generäle, die Glück haben!“ rief Napoleon einmal aus. Das erinnert mich an Goethes Faust, der sich beklagte: „Wie sich Verdienst und Glück verketten,/ Das fällt den Toren niemals ein“. Glück kann ein großer Wohltäter sein. Es kann auch die Ursache von Katastrophen sein. Ich erinnere mich undeutlich an einen dieser übelwollenden griechischen Götter – oder war es eine Göttin? -, der seine menschlichen Opfer dadurch zugrunde richtete, dass er sie glücklich machte. Glück geht mit Hybris einher. Und Hybris* führt zur Nemesis.**«[1]

  Aber Vorsicht damit,  Kriterien aufzustellen,  und danach einen Weltglücksbericht aufzustellen. Damit ist es nicht genug. Der Gipfel des Unfugs ist, wenn gewisse Kreise eine Länderklassifikation, eine Einstufung von Ländern nach der Menge des angeblich in den Ländern vorhandenen Glück Glücks-Kriterien festlegen. Eine solche Einordnung ist genauso unrealistisch wie sinnlos.

    Beihilfe zum Glück kann hilfreich sein. Wir können unsere Mitmenschen zu Aufmerksamkeit verhelfen, kann er persönliche Glücksmomente erleben. Dazu gehören vor allem, die Aufmerksamkeit im Leben und das selbstständige Denken. Aber wir müssen auf der Hut sein, denn oft wird uns der Weg zum Glück nur vorgeheuchelt.

    Warum das Glücksempfinden von sehr gern missbraucht wird, liegt an den real existierenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Immer zu Zeiten, in denen es der Gesellschaft bzw. einem großen Teil von ihnen schlecht geht, wird zu unlauteren Mitteln gegriffen, um den Menschen vorzugaukeln, dass für sie  doch alles Glück der Welt  vorhanden wäre. Diese Gefühlsheuchelei und Glückssuggestion wird als ideologisches Rauschgift, wird als Droge eingesetzt, um miserable gesellschaftliche Verhältnisse zu verschleiern, um Wahrheiten vor Menschen zu verbergen. Es geht in Wahrheit nicht um menschliches Glück; sondern um das Glück als Droge. Darin liegt die Gefährlichkeit dieses Treibens. Und viele Menschen durchschauen dieses Spiel, welches mit ihnen getrieben wird?

Besonders diffus ist der gehobene Blödsinn „22 gute Gründe für das große Glück“. Der genannte Blödsinn verärgert die Leser nicht nur; er macht auch niemanden glücklich. Jeder, der das Pamphlet liest wird sofort merken, dass dies nicht das Geringste mit Glück zu tun hat.

Sowas können nur Leute schreiben, die in eigenem Safte schmoren und jede Verbindung zur Realität verloren haben. Die Punkte sind allesamt an den Haaren herbeigezogen. Dagegen sträubt sich der gesunde Menschenverstand von selbst, ohne jede Aufforderung. Diese Punktekonstruktion hat absolut nichts damit tun, was der Mensch Glück nennt.

    Aber was ist nun Glück wirklich?- Fragen wir doch das Lexikon:

»Glück, im objektiven Sinn eine Lebenslage, im subjektiven ein Gemütszustand. Im ersteren Sinne bezeichnet es den Besitz  eines an sich wünschenswertes Gutes (Gesundheit, Reichtum usw.), dessen Erlangung weder gewiss, noch auch nur ( für den Betreffenden) besonders wahrscheinlich war; im letzteren Sinne das aus jenem Besitz entspringende  Lustgefühl, dann überhaupt den Zustand vollkommener innerer Befriedigung ( Glückseligkeit, siehe daselbst).

Vergleiche Eudämonismus und Bentham, über die Personifikation des Glücks siehe Fortuna.«[2]

Auch der Philosoph Karl Raimund Popper ist da anderer Meinung. Er hält auch nichts von all der Glücksheuchelei und auch nichts von Glückssuggestion. Doch lesen Sie selbst:

»Es gibt den klassischen positiven Utilitarismus und einen negativen, der hier zu erläutern ist. Das Ziel des klassischen Utilitarismus ist „Das größte Glück der größten Zahl“. Zu Recht warnt aber der kritische Rationalist KARL RAI­MUND POPPER (1902-1994) in seiner Schrift Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Bd. 2, S. 291 f.) davor, zu versuchen, andere Menschen aufgrund per­sönlicher emotionaler Glücksempfindungen glücklich machen zu wollen:

„Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung ‚höherer‘ Werte aufzu­zwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen; also gleichsam zu dem Versuch, ihre Seelen zu retten. Dieser Wunsch führt zu Utopismus und Romantizismus. Wir alle ha­ben das sichere Gefühl, dass jedermann in der schönen, der vollkommenen Gemeinschaft unserer Träume glücklich sein würde. Und zweifellos wäre eine Welt, in der wir uns lieben, der Himmel auf Erden. Aber wie schon früher ausgeführt – der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition. Und beruht meiner Ansicht nach auf einem völligen Miss­verständnis unserer sittlichen Pflichten. Es ist unsere Pflicht, denen zu helfen, die unsere Hilfe brauchen; aber es kann nicht unsere Pflicht sein, andere glück­lich zu machen, denn dies hängt nicht von uns ab und bedeutet außerdem nur zu oft einen Einbruch in die private Sphäre jener Menschen, gegen die wir so freundliche Absichten hegen.“

Da es nach diesen Erkenntnissen nicht möglich erscheint, einen universellen Glücksbegriff so zu definieren, dass das „größte Glück der größten Zahl“ als ethisches Ziel weiter verfolgt werden kann, stellt der Wissenschaftstheoretiker POPPER die utilitaristische Idee – frei nach KARL MARX (1818-1883) – vom „Kopf auf die Füße“ und entwickelt aus dem positiven einen negativen Utili­tarismus. Hier ist nicht mehr das größte Glück der größten Zahl das Ziel, sondern deren geringstes Leid; Leid-Verminderung statt Glück-Maximierung.

Geht man davon aus, dass für eine rational begründbare Ethik die Glückselig­keit oberstes Ziel ist, aber fest steht, wie POPPER nachweisen konnte, dass die Glücksempfindungen individuell verschieden sind, kann nur in einem negati­ven Utilitarismus eine Lösung gesucht werden., Man kommt einer „Glückseligkeit“ immer näher, je weniger man unglücklich ist.« [3]

Über die Meinung von Karl Raimund Popper sollten besonders alle die nachdenken, die der weltfremden Gefühlsheuchelei erlegen sind. Es ist  nicht in jeder Kiste, auf der Glück steht, auch das Glück drin. Meist ist der Inhalt unecht.

PS. zu meinen Gedanken: Die folgenden Begriffe erleiden in den bürgerlichen Medien analoge Qualen wie das Glück. Da wären z. B. der Sex, die Bikiniform, die Wunderheilung und die zwischenmenschlichen Beziehungen (Liebe). Auch hier sollen Drogen helfen. Und diese Drogen heißen Viagra, Potenzmittel, Diät, dubiose Lebenselixiere und der Liebestrank. Das einzige, was dabei rasch abnimmt, ist der Inhalt Ihres Geldbeutels.

    Neu ist: Wer zwölf Semester Arztserien geschaut hat und dies überzeugend nachweisen kann, erhält den Quacksalber-Bachelor. – Lesen Sie auch das Buch „Benimm Dich erfolgreich!“

Und nun aber ran!


 QUELLEN UND HINWEISE

[1] Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. (NRhZ = Neue Rheinische Zeitung als Flyer)

* Hybris

Hybris, ursprünglich Begriff des attischen Rechts als Anwendung körperlicher Gewalt, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und schimpflicher Angriff überhaupt, ähnlich im alexandrinischen Recht. Im übertragenen Sinne Hochmut und Anmaßung der Menschen gegenüber den Göttern.

Aus: Antike in Stichworten, G. Löwe/ H. A. Stoll, Koehler & Armelang Leipzig 1967, S. 143

**Nemesis

Nemesis, in der griechischen Mythologie das als Göttin personifizierte Zuteilen der Strafe für Schuld und Anmaßung, bei Homer nur Begriff, bei Hesiod Tochter der Nacht; in den Kypria ist sie durch Zeus sogar Mutter der Helene. Die älteste Kultstätte der Nemesis dürfte Smyrna ge­wesen sein, dann Rhamnus in Attika, dessen Kultbild von Agorakritos stammte. Ihre Sym­bole sind Elle und Zügel, da sie das gerechte Maß wahrt. Häufige Darstellungen auf Mün­zen und Gemmen; das rhamnische Kultbild des Agorakritos in Fragmenten erhalten (Athen, Nationalmuseum).

Aus:  Antike in Stichworten, G. Löwe/ H. A. Stoll, Koehler & Armelang Leipzig 1967; S. 215

[2] Meyers Lexikon (1926), Siebente Auflage, Bibliographisches Institut Leipzig, Band IV;  Spalte 324

[3] Stichwort : Negativer Utilitarismus, der, in: Lexikon des freien Denkens,

ISBN 978-943624-32-8;

Herausgeber: Dr. Dr. Jan Bretschneider (*1938) / Prof. Dr. Hans-Günter Eschke (1930 – 2007); Lose Blattsammlung in Ordner.

utilitär = auf den Nutzen bezüglich

Utilitarismus =  Nützlichkeitslehre, Nützlichkeitsstandpunkt

 ( aus Duden/Deutsche Rechtschreibung)

Mit  echt glücklichen Gefühlen

Kurt Wolfgang Ringel


Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 07. September 2016 um 13:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Aufklärung, Braunschweig abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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